BIKE SMART, NOT HARD :-)

Teide Umrundung: E-MTB Lehrstunde

Eine spektakuläre E-MTB-Tour: rund um den höchsten Berg im Atlantik, den Teide auf Teneriffa mit 3715 Metern Höhe. Über den Wolken, durch Mondlandschaften, Lavafelder, Kiefernwälder… Im Nachhinein betrachtet war das Ganze genauso  leichtsinnig wie grandios. Es war eine ungeplante Lehrstunde, die ich mir am zweiten Weihnachtsfeiertag an der Nordflanke des Teide da eingebrockt hatte.

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GPS-Track Teide Umrundung

Bild: ebikespass.de / GPS Rendering

Zunächst noch schien die spannendste Frage, ob der Akku meines Haibike SDURO HardSeven mit Yamaha PW-Motor auf der über 70 Kilometer langen Runde mit etwa 1500 Höhenmetern reichen würde. Zumal die knackigstem Steigungen um die 20% erst zum Schluß zu bewältigen sein würden. Später ging es noch um Anderes als den Akku. Aber von Anfang an.

72 Kilometer, 1500 Höhenmeter, eine Akkuladung?

Ich rechnete mir aus, dass es ausreichen sollte: Dabei sollte ich allerdings meist im Eco-Modus fahren (beim Yamaha PW Motor heißt das 175% Unterstützung, siehe Mittelmotor-Vergleich), also durchaus kräftig selbst beitragen. Es wurde sehr knapp, mit der Akkupower von 400Wh meines Yamaha-Standardakkus. Und nicht nur damit.

Hier ein mit dem Tool ayvri.com gerenderter Überflug der Gegend und des unten erwähnten Tracks um den Teide auf Teneriffa.

Warum eigentlich der Kraftakt? Warum allein?

Ich war frustriert, weil Teneriffa einfach kein Revier für entspannteres E-Biken ist.

Egal wo du startest, erstmal geht es hinauf, über unglaublich steile und enge Straßen.“ schreibt Komoot zu seiner Teneriffa-Collection.

Entweder steil und holprig also, oder Straßenführungen als Mutprobe. Die Autobahn darf und muss manchmal für Verbindungen mit dem Rad befahren werden, wenn Abschnitte nicht explizit durch Schilder z.B. bei Tunnels verboten sind.

Außerdem war Weihnachten, ich wollte etwas machen aus dem Feiertag, also mal mutwillig raus aus der Komfortzone …

GPS-Track als Weihnachtsüberraschung

Eine E-Bike-Route abseits der Straßen musste her, und möglichst spannend für einen ganzen Tag. Eine Rundstrecke. Mir war klar, das musste in oder über der „Corona Forestal“ liegen, diesem Kiefernwaldband (nicht zu verwechseln mit der Baumgrenze), das die Berge Teneriffas wie eine Krone zwischen 1200 und 1800 Metern Meereshöhe umfasst.

Es gibt nicht wirklich viele Tourenbeschreibungen für Teneriffa. Die meisten, die hier MTB fahren, schließen sich einer geführten Tour an. Die Touranbieter behalten ihre Routen gerne für sich. Ich war ja schon einmal die Esperanza-Runde mit einer gemischten MTB / E-MTB Gruppe von mtb-active mitgefahren auf deren CONWAY EMT 327 Plus mit Shimano E8000 Motor. Da ging es sehr schön durch diese Kiefernwälder, meist war der Schotter von einem Teppich von Kiefernnadeln angenehm bedeckt.

Ich fand im Netz einen GPS-Track als Aufzeichnung einer MTB-Umrundung des Teide auf der Website http://www.redeker-net.de. Dort finden sich auch einige weitere MTB-Tracks für Teneriffa. Dass mein ausgesuchter Teide-Umrundungs-Track von 2005 war, habe ich erst nachträglich nachgelesen.

Zunächst würde es die gut ausgebaute TF21  entlang gehen, vorbei am Besuherzentrum „El Portilloo“, an der Talstation der Teide-Seilbahn und in Etappen durch die Caldera (den Krater). Später, so der Plan, dann auf der TF38 entlang der Westseite Teneriffas und dann an der Nordflanke des Teide durch Wald und Lavahänge (auf Kiefernadeln, dachte ich mir) zunächst runter auf etwa 1500 Höhenmeter und dann wieder 600 Höhenmeter hinauf zum Ausgangspunkt am Parkplatz El Portillo.

Teide E-MTB Umrundung im Uhrzeigersinn

9.55 Uhr: Der Start ist auf knapp 2050 Metern Höhe, dann geht es auf Asphalt (TF 21)  rauf bis 2399 Meter, wo der Wanderweg zum Teide Gipfel und zum Montaña Blanco abzweigt.

Die Tour habe ich bei Komoot dokumentiert, unten ist sie auch eingebettet.

Bis auf die Westseite des Teide lasse ich mir viel Zeit.

12.40 Uhr, 24,7 km: An der Westseite des Teide, der Blick nach Westen geht auf die Nachbarinsel Gomera. Von nun an geht es bergab: Erst bequem und schnell auf der Straße, dann ab dem Parkplatz Chio auf Waldboden und Schotter.

Harte Tour auf dem Hardtail: Im Norden des Teide entlang

13.00 Uhr, 33 km: Weiter auf der Nordseite entlang. Es wird jetzt ruppig. Der anfangs vielversprechende Weg mit feinem Schotter entwickelt sich zur Herausforderung. Die Steine werden immer größer, und wo sie nicht locker sind, nochmal größer. Zum Glück geht es selten steil rauf und runter.

14.50 Uhr, 46 km: Kurze Pause.  Ich wünschte mir jetzt, ich hätte ein Fully unter dem Hintern. Wahrscheinlich könnte mir das helfen, besser im Fluß zu bleiben und über mehr Stock und Stein drüberzubügeln.

15.20 Uhr, 55 km: Ich mache wieder ich eine kleine Pause, ich knipse aber nicht mal das Display. Ich dürfte noch 20 vor mir haben. Besser wird der Weg nicht. Beim Fahren muss ich meistens stehen, damit mir das Hinterrad des HardSeven nicht zu stark ins Kreuz haut. Anstrengend. Und wenn es mal abwärts geht, muss ich aufpassen, dass das Hinterrad nicht springt wohin es will.

Die Balance auf so einem HardTail erfordert mehr technische Kenntnis und Übung, ein Fully verzeiht mehr, auch Fahrfehler. Und da die Konzentration allmählich sinkt, kann ich die immer weniger vermeiden. Die Strecke folgt der Bergflanke in einen Barranco nach dem anderen, rein und wieder raus.

Der Pico del Teide ist fast immer zu sehen. Die Wegführung wiederholt sich auf diesem Streckenabschnitt in fast monotoner Weise. Hinter jeder Kurve wartete das gleiche Bild: der x-te Barranco (Schlucht) ist zu umfahren.

So ist es. Die Strecke bringt mich an den Rand meiner Fahrtechnik. Teils steige ich ab und schiebe, minutenlang.

16.20 Uhr, 60 km: Jetzt erst das nächste Foto. Hier begegnet mir nach zwei Stunden wieder ein Mensch – ein Reiter mit zwei Hunden. Er schaut mich an, als käme ich aus einer anderen Welt. Aber immerhin ist die Begegnung beruhigend, ich scheine mich der Zivilisation zu nähern. Handynetz gab es auf der ganzen Nordseite übrigens keines. Auch jetzt noch nicht.

Zur weiter schwierigen Strecke kommt dazu, dass sich die dunkle Sonnenbrille jetzt zu dunkel erweist. Die harten Lichtwechsel im Wald strengen an. Absetzen will ich die Brille nicht, schließlich hat sie geschliffene Gläser, und um eines Mindesttempos willen möchte ich den Blick auch nicht direkt vors Vorderrad auf die Strecke haben.

Zweimal fällt bei dem Gerüttel die Powerbank aus der Rahmentasche, sie ist eine Idee zu lang um sie richtig mit dem Reißverschluß zu umfassen. Immerhin bleibt sie intakt – und das ist beruhigend. Der Strom fürs Handy würde mir wenigstens nicht ausgehen. Das Wasser allerdings schon. Und was macht der E-Bike-Akku? Um zu sparen, schalte ich die Unterstützung teils aus, sonst bleibe ich vorsorglich auf Eco.

Schieben kann ich mir nicht wirklich leisten, die Sonne wandert weiter und es wird dunkler. Ich fahre über schwierigere Stellen und mit mehr Tempo, als ich es eigentlich technisch beherrsche auf dem Hardtail. Augen zu und durch. Es muss gehen.

Ich trete in die Pedale. Danke Haibike, bis hierhin alles gut.

Der Pico del Teide von Norden

16.45 Uhr, 61 km: Der Weg ist plötzlich weg, den das GPS vorgab… Ein kaum auszumachender und meistens unbefahrbarer Trampelpfad (Trial) führt weiter. War ich falsch? Die Zeit vergeht beim Schieben in die vermutete Richtung. Ich überlege schon: Im Notfall könnte ich mich irgendwie links halten und einen Weg zur Abfahrt Richtung Nordküste finden. Aber das Auto steht ja am Ausgangspunkt, mindestens 600 Höhenmeter und noch 10-15 Kilometer weiter oben.

Ich wußte, ich muss in jedem Fall weiter an der Teide-Flanke entlang. Immerhin verbrauche beim Schieben keine Akkupower.

Der Teide bleibt auf der rechten Seite präsent. Nach ein paar hundert Metern sehe ich durch die Kiefernstämme in der Ferne etwas oberhalb eine Metallstange – Zivilisation! Ich war so etwas von erleichtert. Es war das Tor auf einem Bolzplatz bei einem Camp.

Piedra de los Pastores: Blick hinunter nach Puerto de la Cruz

17.20 Uhr, 64 km: Der nördlichste und zugleich tiefsten Punkt der Tour in etwa 1500 m Höhe, bei Piedra de las Pastores, oberhalb von Los Realejos ist erreicht. Ich kann von hier runtersehen auf den aktuellen Wohnort: Puerto de la Cruz liegt in der Spätnachmittagssonne.

Der Akku mit einer Restkapazität von immerhin noch 42% – fünf Balken. Das Energiesparen hat sich gelohnt. Auch an Yamaha: Danke an der Stelle… Aber es sind auch noch 600 Höhenmeter zu bewältigen.

Bei „Piedra de los Pastores“ (Bild 7) ist man am westlichen Rand des Orotava Tals (Aussicht) angekommen und hat den anstrengendsten Teil vor sich: fast 600 Höhenmeter hinauf zum Ausgangspunkt der Tour. Erschwerend machen sich jetzt die ersten Ermüdungserscheinungen bemerkbar, da man schließlich schon mehr als 50 km gefahren ist. Der Weg führt an der „Fuente de Mesa“ vorbei und ist teilweise so steil, dass man nur in der kleinsten Übersetzung kurbeln kann. Der Weg mündet in etwa 1900 m Höhe bei der Schutzhütte „Sventenius“ in die Straße von La Orotava hinauf die Las Cañadas.

Das nächste Ziel  ist immerhin ausgeschildert: die schon bekannte TF 21. Es wird weiterhin ein hartes Stück Arbeit. Mit Brille geht jetzt nichts mehr.

17.30 Uhr: Jetzt ist es an der Zeit für die IXON SPACE. Ich versorge mich mit Frontlicht für die Abschnitte unter Bäumen. Um Akku zu sparen, fahre ich die Steigung meist in Eco hoch. Es gibt Stellen mit 18% (hier dann mal High), längere Abschnitte mit um die 10%. Es ist eine harte, unangenehme Piste, streckenweise wurde der Waldboden mit rissigem Beton stabilisiert, fußballtiefe Schlaglöcher nicht ausgeschlossen.

Reichweitenrechnung: Ohne die Außentemperatur gemacht

17.50 Uhr, 68 km: Endlich komme ich an der TF 21 an. An der Einmündung zur Straße ist ein kleiner Rastplatz angelegt. Akkukapazität: Drei Balken, ich habe noch 200 Höhenmeter. Sollte doch reichen! Ich gönne mir und dem SDURO eine Pause, setze mich kurz hin. Und bemerke, wie kalt es inzwischen geworden ist.

18.00 Uhr: Ich schalte das E-Bike wieder an und erschrecke: Nur noch ein Balken und der blinkt! Wie kann das denn sein? Die ganze Rechnerei über den Haufen geworfen. Es muss an der Temperatur liegen, der Akku hat sich abgekühlt und dadurch an Kapazität verloren.

Im Facebook Pedelec-Forum bestätigt Marc Burger später den Verdacht:

Mit sinkender Temperatur nimmt die Leistungsfähigkeit jeden Akkus ab, da sich der elektrische Widerstand im kalten und zähflüssigeren Elektrolyt der Zellen erhöht. Wenn man den Akku bei Tourstopps am Rad lässt, kühlt er aus und besitzt dann weniger Leistung, wenn man wieder losstartet. Denn er ist erst einmal damit beschäftigt, selbst wieder „auf Temperatur“ zu kommen. 

Okay, ich richte mich drauf ein, jetzt in Eco+ zu fahren und zu Not aufwärts ohne Motor zu strampeln. Die letzten vier Kilometer die TF21 bergauf zum Portillo ziehen sich. Die Reichweitenanzeige blinkt zunächst weiter. Ich kann nicht mehr: Ich schalte die Unterstützung jetzt auf Eco hoch, dann auf Standard, sogar ganz kurz auf High.

18:15 Uhr, 72km: Siehe da, der Akku hält durch. Endlich am Auto angekommen, zeigt mir das Display noch einen Balken (nicht blinkend), noch 4 Kilometer Restreichweite in Standard, und beim letzten Foto dann noch 5% Ladung bei null Balken …

Viel weiter hätte ich es also mit Akku-Unterstützung nicht geschafft.

Punktlandung

Mir zittern die Knie, ist es die Anstregnung, die Kälte, oder doch der Schreck, wie knapp das war, und wie lange und teils abenteuerlich ich über menschenverlassene Abschnitte geholpert war?

Was habe ich gelernt?

  • Keine MTB-Tour alleine, schon gar nicht durch einsames Gelände mit Null Handynetz
  • Nicht als MTB-Novize unbekannte Routen unter Zeitdruck fahren
  • Erste-Hilfe Pack dabeihaben, wenn’s in einsame Gegenden geht
  • Keine sehr dunkle Sonnenbrille im Wald
  • Ein Hardtail ist ein strengerer Lehrer;
  • Das ungefederte Bike ist technisch anspruchsvoller zu fahren als ein Fully
  • Ein Hardtail ist für E-MTB-Einsteiger die schwierigere Variante, was bei dem geringeren Kaufpreis oft übersehen wird
  • GPS Tracks können irren, veralten und Wege sich in Nichts auflösen
  • Bei kalten Außentemperaturen das E-Bike in Pausen nicht abschalten (oder den Akku mit ins Warme nehmen, falls möglich), keine längeren Pausen bei niedrigem Akkustand

Über die Erfahrungen bei dieser Teide-Umrundung auf Teneriffa mit dem E-MTB bin auch in einem Interview des Edison-Magazins mit mir und einem Reiseblogger zum Thema „Worauf es beim Aktiv-Urlaub mit dem E-Bike ankommt“ eingegangen.

Alles ging gut jedenfalls. Danke Yamaha, danke Haibike, danke meinen Schutzengeln.

Weiterführende Links:

Bildquellen:
Ebikespass.de / Heinz-Günter Weber

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Author: ebikespass

E-Bikes verbinden für mich ideal Frischluft, Fitness und eine ordentliche Entdeckungsreichweite ... Ich habe früher Motorradfahren genossen - Pedelecs machen mir heute mindestens genau soviel Spass - und sind dabei gut für die Umwelt, den Körper und die Seele! Ein persönliches Dankeschön an alle, die mit ihren Kommentaren, eigenen Erfahrungen und Fragen diesen E-Bike-Blog weiter aufwerten! Was brachte Euch zum E-Biken? Was macht am meisten Spass, was ärgert Euch? Stellt Ihr Euch noch Fragen vor dem Kauf? Gerne in den Kommentaren Fragen stellen oder Eure Anregungen und Kritik - wir antworten!

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