BIKE SMART, NOT HARD :-)

Acht Jahre, zwei E-Bike Klassiker und eine Wiederbelebung

Oldies but Goodies? Unterwegs mit dem town e:xp und R&M Jetstream 

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town e:xp von Wimora - E-Bike-Kompaktrad
Stand vor der Akku-Wiederaufbereitung auch schon länger in der Garage: town e:xp von Winora

Bild: ebikespass.de

Ein neues E-Bike? Klasse Idee! Aber was ist, wenn E-Bikes altern? Wie gut kommst Du im Lauf der Jahre mit den Pedelecs im Alltag zurecht – mit Motorleistung, Akku-Alterung, Schaltung, Fertigungsqualität und Herstellerservice? Autos gelten ja ab 30 Jahren als Oldtimer – und E-Bikes?

Anhand der unten folgenden Erfahrungen würde ich die Klassiker / Oldtimer-Grenze bei E-Bikes auf acht Jahre setzen … denn zu stark scheint mir der Entwicklungssprung bei der schnellen Technik-und Marktentwicklung bei E-Bikes seit 2008.

Dazu hier die E-Bike-Story eines guten Freundes mit zwei Pedelec-Modellen, die so etwas wie Klassiker sind:  Das Jetstream von Riese und Müller und das Winora town e:xp der Jahrgänge 2010 und 2011, die noch beide gefahren werden.

Allerdings waren dazu Improvisation, Hartnäckigkeit und die Hilfe einer cleveren kleinen Akkufirma aus dem Osten nötig. Aber dazu unten mehr. Alles begann im Jahr 2007…

Heute schon ein Klassiker:
Das erste vollgefederte Riese & Müller-Rad: „Culture“

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Culture Hybrid E-Bike
Das Culture Hybrid E-Bike war eine elektrifizierte Version des ersten vollgefederten Fahrrads von Riese & Müller - Modell 2007

Bild: Riese & Müller

Das „Culture“ war das erste vollgefederte Fahrrad der Firma Riese & Müller. Auffallend das eigenwillig-kantige Design des Tiefeinsteigers. Beworben wurde damals und wird immer noch die „rückenschonende Rad-Kultur“. Mein Freund kaufte dieses 2007 innovative Rad bei einem Händler in Oberbayern mit dem schönen Namen „mbf – muskelbetriebene fahrzeuge“ als Pendlerfahrzeug für seine Frau. Ihr Arbeitsweg:  Etwa 5 Kilometer über Asphalt.

Riese & Müller bot das „Culture“ übrigens schon 2007 (!) auch in einer sogenannten „Hybrid-Version“ mit Motor an. Das „Culture“ wird noch heute als „Klassiker“ beworben und ist tatsächlich als aktuelles E-Bike-Modell mit Bosch-Active oder Performance-Line Motoren erhältlich.

Das Rahmen- und Federungskonzept hatte sich so gut bewährt, dass das „Culture“ als Blaupause auch für die darauf folgende reine E.Bike Entwicklung „Jetstream“ diente, das 2010 auf der Messe „free“ in München vorgestellt wurde. Dieses E-Bike konnte W. im April 2011 als Vorführmodell erstehen.

Das tägliche Pendeln war ab sofort nicht nur rückenschonend, sondern auch beim Kraftaufwand deutlich entspannter. Ein ganz großer Vorteil: Nicht durchgeschwitzt am Arbeitsplatz anzukommen.

Vor dem Jetstream begann noch ein Jahr früher allerdings die Episode mit dem Kompakt-E-Bike Winora town e:xp. Auch dieses E-Bike steht aktuell bei meinem Freund noch als Zweitrad „unter Strom“.

2010: Winora town e:xp

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Das Kompakt E-Bike town e:xp von Winora
Das Kompakt E-Bike town e:xp von Winora, Modell 2010

Bild: ebikespass.de

Mein Freund kaufte sein Winora town e:xp 2010 gebraucht. Er rüstete es u.A. gegen nasse Füße noch mit Schutzblechverlängerungen aus.

In einem Pressetext zu dem kompakten 20-Zoll-Bike heißt es: „Das unisex Design ist so schnittig wie das Fahrverhalten, ohne ungemütlich zu werden. Das town e:xp ist ein sehr guter Stadtgefährte, mit dem es einem nicht langweilig wird„.

Im Gegensatz zum Culture und zum Nachfolge-Pendelfahrzeug Jetstream hatte das town e:xp den Nachteil, dass es bis auf die Schwalbe Big Apple 55-406-Reifen ungefedert war … und es kam später noch ein Problem dazu: Kraft und Reichweite ließen nach.

Als Antrieb ist das Winora town e:xp mit dem 250 W TranzX Hinterradnabenmotor aus China ausgestattet, der Li-Ionen Akku liefert 396 Wh. Als Schaltung verbaute Winora eine 9-fach Shimano Deore Kettenschaltung.

Dem Rad wurde im Test eine „hohe Reichweite Tour“ attestiert. Eingeordnet wurde es als City-Komfort Pedelec. Es sei allerdings „schwer fahrbar ohne Motor“ und man spüre ein „ruckhaftes Abriegeln an der Unterstützungsgrenze„. Kann ich bestätigen!

Tatsächlich ist das Auffälligste für mich bei einer kleiner Spritztour im Vergeich zu unseren 2016er E-Bikes das ungewohnte Antriebsverhalten. Die Steuerung der Unterstützung funktionierte nämlich über einen sog. Hallsensor – mit einem am Kettenblatt angebrachten Magneten.

Erst nach einer halben Ewigkeit (ca. 1 Sekunde, was ca. 1,5 Umdrehungen an der Tretkurbel entspricht) erzeugt der TranzX Schub, den ich dann (nach kleiner Rampe, mitten in der Kurve) gar nicht mehr erwartet habe … und mit diesem verspäteten „Tritt“ von hinten wäre ich um ein Haar mit dem Lenker am Brückengeländer der schönen Mangfall hängengeblieben.

Interessanterweise konntest Du in der Bedienungsanleitung, Abschnitt FAQ, über die Schwäche des RPM-Hallsensors nachlesen:

Frage: Während der Bergauf Fahrt setzt mein Motor für 2-3 Sekunden aus, obwohl ich stark trete. Antwort: Stellen sie sicher, dass der RPM-Kurbelsensor während dieser Situation mindestens 1/3 Umdrehung zurücklegt.

Also bitte nicht zu langsam treten! Runterschalten und Trittfrequenz erhöhen!

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E-Bike town e;xp von Winora
Prospektfoto des town e;xp von Winora - E-Bike Modell 2010

Quelle www.winora.de | pd-f

Bitte passend fahren!

Beim town e:xp musste man also ziemlich mit- und vorausdenken beim Pedalieren. Eine passende Trittfrequenz hilft natürlich auch heute. Aber inzwischen sind die Sensoren smarter eingesetzt und die Elektronik denkt besser mit. Die Fortschritte in der Motorsteuerung von 2010 bis heute finde ich doch sehr beachtlich und hilfreich! Danke an dieser Stelle an Bosch, Yamaha, Brose, Shimano & Co – siehe unseren aktuellen Vergleich der E-Bike-Mittelmotoren 2018.

Jedenfalls wurde die Steuerung des Winora town e:xp schon im Modelljahr 2011/2012 abgeändert. In der oben verlinkten Besprechung des 2011er-Modells heißt es, dass der „Wupp-Effekt“ des Vorjahresmodells nicht mehr auftrete. Ausgerüstet ist die Steuerung 2011 offenbar jetzt mit zwei Sensoren, und zwar für RPM (Umdrehungszahl pro Minute) & Kraft.

Wenn der E-Bike-Motor stottert

Der Motor setzte dann auch noch ab und zu ganz aus, aufwärts wie abwärts … Hatte der Lithium-Polymer-Akku das Ende seines Lebenszyklus‘ erreicht? Überforderten Spannungsschwankungen die Elektronik? Die Li-Polymer-Akkus sind jedenfalls empfindlicher gegen Minusgrade und hohe Temperaturen und reagieren auch sensibler auf Überladungen als Akkus auf Lithium-Ionen-Basis.

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Jetstream Modell 2011 - E-Bike von Riese & Müller
Das Jetstream mit dem BionX-Hinterradnabenmotor am Mangfall-Kanal-Radweg

Bild: ebikespass.de

2011: Riese+Müller Jetstream hybrid

Im Gegensatz zum Riese & Müller „Culture“ von 2007 wurde das Jetstream ausschließlich als E-Bike konzipiert – und das ziemlich durchdacht finde ich. Das Rad könnt Ihr Euch noch bei Greenfinder.de ansehen. Eingeordnet wurde es als Rad für Stadt und Touren.

Der Lithium-Ionen-Akku wurde schon damals elegant im Rahmenrohr versteckt und mit einer abschließbaren Klappe geschützt. Er kann zum Laden herausgenommen oder per XLR-Kabel im Fahrrad geladen werden.

Mit dem 250-Watt-BionX-Motor in der Hinterradnabe unterstützte das Jetstream bis Tempo 25 km/h und bis 200%. Die Motorsteuerung bei diesem Modell erfolgte übrigens über einen Dehnmeßstreifen an der Hinterradachse. Das Rad erhielt wie das „Culture“ eine Kettenschaltung (24-Gang), Scheibenbremsen und einer LED-Lichtanlage.

Das Pedelec mit dem charakteristischen Tiefeinstieg in Silber-Rot oder Weiß-Rot ermöglichte wie das „Culture“ ein einfaches Auf- und Absteigen und eine bequeme Sitzposition. Der Gepäckträger war wie schon beim „Culture“ in den Hauptrahmen integriert und war sogar für Kindersitze und größere Lasten ausgerichtet – also offen für das echte Leben – Familie, Radwandern, Reisen … Mein Freund und seine Frau schwärmen jedenfalls immer wieder beim Erzählen über das Jetstream.

Der „Schub“ des BionX-Motors war allerdings – wieder als meine eigene Erfahrung einer kleinen Testrunde und natürlich im Vergleich zu heutigen E-Bike-Antrieben – wesentlich bescheidener. Erst im „Turbo“-Modus 4 würde ich von dem „Rückenwind“ sprechen, der bei E-Bikes heute charakteristisch ist und den Du schon ab „Eco“ deutlich spürst.

Das Jetstream war insgesamt ein bequemes und zuverlässiges Alltagsrad – vier Jahre lang. Bis leider irgendwann die Reichweite absank und die Elektronik zum Problemfall wurde.

2015 – Das Jetstream ausgebremst:
Akkuprobleme und Systemwechsel beim Hersteller

Aus zunächst nicht ersichtlichen Gründen lies die Reichweite des Jetstream plötzlich nach. Das Jetstream stand immer öfter in der Garage.

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BionX-Motor am Jetstream
Der BionX-Motor im Hinterrad am Jetstream; die maximale Unterstützung liegt bei 200%

Bild: ebikespass.de

Lag es an der Software? Mein Freund fand eine auf die BionX-Motoren spezialisierte Firma am Chiemsee. Leider ohne Erfolg: Da Riese & Müller wohl die Steuerung des Motors geändert hatte, konnten die Techniker mit Ihren BionX-Diagnosegeräten und Werkzeugen nicht helfen. Und Riese & Müller? Gab es neuere, bessere, größere Akkus für das Jetstream?

Der Händler in Bad Endorf war der Meinung, dass ein Softwareupdate zunächst dringend nötig sei. Die “Reparatur” dauerte drei Wochen. Der Einbau eines größeren Akkus war nicht möglich. Danach versah das Rad wieder seinen Dienst, jedoch mit geringerer Reichweite

Da Riese & Müller inzwischen auf Bosch-Mittelmotoren und deren Akkus umgestiegen war, gab es auch von dieser Seite keine Unterstützung. Das Jetstream wurde nach 2014 nicht mehr gebaut.

Energie-Rückgewinnung: Gutes Konzept derzeit auf dem Rückzug

Das Konzept mit dem Motor in der Hinterradnabe hatte den Vorteil, dass es Energie „rekuperierte“ – also beim abwärts fahren den Akku nachlädt (Einmal Irschenberg abwärts mit dem BionX-Motor: ein Teilstrich mehr Akkuladung von 6). Per Fahrstufenänderung ändert sich abwärts auch die Stärke der Rekuperation.

Nur mit einem Hinterradnabenmotor ist die Rekuperation technisch umsetzbar. Im Modelljahr 2017 gibt es mit diesem Konzept noch um die 100 E-Bikes z.B. mit den Motoren von GO SwissDrive (-> Liste bei Greenfinder.de).

Im Laufe des weiteren Lebenszyklus des Jetstreams nahm gegen Ende 2017 die Reichweite des Rades rapide ab. Die Wiederbelebung für Akku und Jetstream verdankte mein Freund einer Empfehlung an eine kleine Firma in Kamenz in Sachsen.

2017: David hilft Goliath –
Akku-Neubestückung verlängert zwei E-Bike-Leben

Auf einen Tipp hin fragte mein Freund per E-Mail bei der Firma LioFit in Kamenz in Sachsen an, ob es möglich wäre, den Akku des town e:xp zu tauschen. LioFit bejahten dies und bestätigte darauf den Eingang des alten Akkus. Wenige Tage später machte LioFit telefonisch verschiedene Angebote zu Akkus und nannte dabei auch die Preisunterschiede.

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Display am Jetstream von Riese & Müller
Display am Jetstream von Riese & Müller, inklusive der Gang-Anzeige und Tasten für Motor-Unterstützung (A) und Rekuperation (G), und mit Schiebehilfe

Bild: ebikespass.de

Die Akku-Wiederaufbereitung ging professionell und mit realen Preisen über die Bühne. Die alten Lithium-Polymerzellen wurden gegen neuste Rundzellen getauscht. Selbst die Steuerung wurde offenbar einem Update unterzogen. Jetzt läuft es wieder, das Winora town e:xp – mit „Wupp“, aber auch ordentlichem Schub aus frischen Akkus und mit sehr guter Reichweite.

Das Erfolgserlebnis mit dem Kompaktrad ermutigte meinen Freund, auch dem BionX-Akku des Jetstream zu LioFit zur Wiederaufbereitung zu geben. LioFit hat für BionX-Akkusysteme einen eigenen Diagnose- und Reparaturstand entwickelt. Auch ältere und modifizierte BionX-Platinen können wohl ausgelesen und programmiert werden.

Und siehe da: Auch der BionX-Akku konnte zu neuem Leben erweckt werden – inklusive einer Kapazitätserhöhung. Es stimmt wohl, was die Firma auf ihrer Website behauptet:

Mit der Samsung SDI INR18650-35E führen wir die aktuell leistungsstärkste Zelle mit etwa 3500mAh. Bei gleicher Anzahl an Zellen steigt somit die Gesamtkapazität um bis zu 70 Prozent … Alle modernen Akkus auf Lithium-Ionen Basis (LiMN, Li-Polymer, …) können aufgearbeitet werden … Neben dem allgemeinem Zellentausch balancieren und kalibrieren wir komplette Zellpakete, tauschen Platinen und reparieren 99% aller defekten oder verschlissenen Lithium-Ionen-Akkus.

Und so bleiben beide E-Bike-Klassiker weiter im Einsatz. 

Das Jetstream lebt im Culture weiter – mit Bosch Motor

Das town e:xp würde ich in Summe als Oldie einstufen, das Jetstream dagegen als Klassiker: Wegen der Form, die immer noch im aktuellen Culture-E-Bike Modell (hier ein Link zum 2016er Culture mit NuVinci Automatik) weiterlebt und absolut modern aussieht. So schließt sich der Kreis vom Culture 2007 über das Jetstream zum Culture von heute. Feinste E-Bike-Kultur, würde ich sagen.

Durch die breite Entwicklung des Marktes nehme ich auch an, dass so radikale Systemwechsel wie der bei Riese & Müller von BionX auf Bosch Mittelmotor in Zukunft auch kundenfreundlicher abgefedert werden. 

Natürlich sind neue E-Bikes stärker, unkomplizierter, intuitiver zu fahren … aber die Geschichte der beiden “Klassiker” zeigt, dass E-Bikes nicht nur neu gut sind, sondern dass sie bei hochwertigen Bikes eine Investition auf Jahre hinaus sind, wie bei Autos… Und dass ein junger Gebrauchtkauf durchaus interessant sein kann.

Welches sind Eure Oldtimer oder Klassiker?

Welche Erfahrungen habt ihr mit Euren E-Bikes / Pedelecs im Lauf der Zeit gemacht? Mit neuen, mit gebrauchten, im Alltag, auf Touren und Reisen?  Bitte unten gern in den Kommentaren hinterlassen!

Author: ebikespass

E-Bikes verbinden für mich ideal Frischluft, Bewegung, Fitness und eine ordentliche Entdeckungsreichweite ... Ich habe früher Motorradfahren genossen - E-Bikes bieten noch mehr Spass - und sind dabei gut für die Umwelt, den Körper und die Seele! Was brachte Euch zum E-Biken? Was macht am meisten Spass, was ärgert Euch? Stellt Ihr Euch noch Fragen vor dem Kauf? Gerne in den Kommentaren Fragen stellen oder Eure Anregungen und Kritik - wir antworten!

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