Kühe würden Haibike kaufen …

mit dem E-Bike am Kitzbüheler Horn 

Kitzbühel versteht sich als Sportregion, nicht nur wegen der „Streif“, der legendären Skirennpiste. Die Region bewirbt sich auch als größte E-Bikeregion Österreichs mit einem guten Portal (hier mehr dazu). Das war uns alles noch wenig bewusst, als wir früh Sonntag morgens losfuhren, um den noch kühleren Teil des angekündigten heißen Sommertages zu nutzen. Unser Ziel war eigentlich die „Bichlach-Runde“, die wir bei tirol.at beschrieben gesehen hatten. Ein gemütlicher E-Bike-Tag durch schattiges Gelände … Es kam allerdings anders, statt gemütlich wurde es atemberaubend und … ziemlich bewegend.

Wir waren so früh dran, dass wir für einen Kaffee noch schnell die wenigen Kilometer Richtung Kitzbühel fuhren. „Kuck mal, da steht Panoramastraße, wollten wir die nicht mal auskundschaften?“ fragte Andrea und zeigte nach links. Panoramastraße klingt immer gut, und wir sind ja neugierig und manchmal auch spontan. Blinker gesetzt!

Das Kitzbüheler Horn mit Gasthof Alpenhaus

Der steilste Radberg: Österreichs „Alpe d’Huez“

Wären wir Radsportler oder Bergläufer, wäre uns die Strecke sicher schon bekannt gewesen. Wir erfahren, dass sie mit streckenweise 22,5% und durchschnittlich 13% Steigung als steilster Radberg Österreichs gilt. Es geht sage und schreibe 1255 Höhenmeter von Kitzbühel aus hinauf zum Horn – der Gipfel liegt 1996 Meter über Meereshöhe. Genau 300 Hm darunter das „Alpenhaus“ – an dieser großen Gaststätte mit Bergstation der Kitzbüheler Hornbahn endet die öffentliche (Maut-)Straße. Bei der Österreich-Radrundfahrt der Profis ist hier regelmäßig Bergankunft. Aber es geht heute noch weiter hoch: ein geteerter Privatweg windet sich bis hinauf zur charakteristischen Sendeantenne auf dem „Horn“.

Die E-Bikes noch im Auto, kommen wir kurz nach neun am Alpenhaus an. Hier fallen uns einige ältere Herren in Laufkleidung auf, die sich mit Dehnübungen aufwärmen. Wir erfahren, dass heute der 38. Kitzbüheler Berglauf stattfindet. Für einige Wertungspruppen ist der Start hier oben, für die anderen war er schon, drunten im Kitzbühel. Der älteste Teilnehmer, erfahren wir später, ist 96 Jahre alt – Jahrgang 1920!

Beim Berglauf

Um 9:30 Uhr ist Start für eine der Gruppen. Das Haibike ist inzwischen ausgeladen. Vorderrad und Akku sind montiert, ich bin einsatzbereit. Die Strecke hinauf zum Gipfel ist für die Läufer nicht abgesperrt, so mischen sich auf dem Weg die Bergläufer, Fußgänger, Rennradler, Mountainbiker und ich – soweit ich sehe der einzige mit E-Bike hier oben. Warum eigentlich?

Einen Moment beschleicht mich der Gedanke, ob ich mich bei den ganzen Spitzensportlern jeden Alters hier oben mit dem E-Bike nicht lächerlich mache. Aber das bunte Feld an Läufern und die entspannte, sportliche Atmosphäre hier oben hat etwas Verbindendes. Es ist vielleicht zu großartig hier oben, um schlechte Gedanken aufkommen zu lassen. Ich ernte keinen einzigen mißgünstigen Blick oder Kommentar. Und fahre nur in Standard, nicht Turbo.

Inzwischen kommen die Läufer, die im Tal gestartet sind und schon fast 1000 Höhenmeter in den Beinen haben, auch in diesem oberen Streckenteil an. Läufer und Läuferinnen aus Tirol, Bayern, England, Colorado, Tschechien, der Ukraine, aus Italien, Spanien, Kenia, Eritrea …

Hier ein paar kurze Eindrücke von Läufern und Panorama, gedreht vom E-Bike aus:

Mit dem E-Bike von Kitzbühel auf den Gipfel?

Würde man die Strecke (Details zur Strecke bei touren.kitzbuehel.com) auch mit dem E-Bike schaffen, von Kitzbühel-Ort (750m Meereshöhe) aus? Bei 1200 hm Differenz wird das mit der aktuellen Akkukapazität wohl sehr knapp, auch wenn man gut trainiert ist und die Streckenlänge insgesamt nur 13km beträgt. Man braucht mindestens den Eco-Modus mit etwa 30% Unterstützung, um etwa das Zusatzgewicht und den höheren Rollwiderstand des E-Mountainbikes gegenüber einem Rennrad auszugleichen – und ich persönlich kalkuliere für mich hier hoch auf jeden Fall Turbo/High ein. Auf die Kampenwand hatte ich den Akku mit 800 Metern Höhendifferenz und auf knapp 8 km Strecke fast leer gesaugt.

Tatsächlich scheint nach einem Test von feineraeder.de die durchschnittliche Herzfrequenz und Fettverbrennung annähernd gleich, wenn man ein E-Bike im Eco / 30%- Unterstützungsmodus mit den Daten auf einem Reiserad ohne Motor vergleicht.

Bei Bosch gibt es einen eBike Reichweiten-Assistenten zur Ermittlung der persönlichen Reichweite. Ich gebe mein Gewicht ein, als Profil Bergstrecke, eine durchschnittliche Trittfrequenz von 65 rpm, und wähle als Antrieb den Bosch Performance Line Cruise (entspricht wohl am ehesten dem Yamaha-Motor am SDuro). Heraus kommt eine Reichweite von etwa 100 km – das scheint mir zu viel. Da auch keine Steigung abgefragt wurde, misstraue ich dem Rechner-Ergebnis doch etwas.

Mit besserem Training wären die 1200 hm aber vielleicht doch drin. Ist einen Test demnächst sicher mal wert …

Blick vom Kitzbüheler Horn
Blick vom Horngipfel auf Kitzbühel

Auf dem Kitzbüheler Horn

Schwer zu sagen, was auf dem Weg zum Gipfel dann beeindruckender war:

Die Leistung der Läufer und Läuferinnen oder das Panorama.

Es ist schlicht atemberaubend und wird mit jedem Höhenmeter besser. Obwohl die Fernsicht nicht optimal war, erkennt man am Horizont die teils schneebedeckten Hohen Tauern mit dem Großglockner und die Stubaier Berge. Fast zum Greifen nah das ikonische Massiv des Wilden Kaisers und im Osten die wuchtigen Loferer Steinberge. Im Norden erkennen wir den charakteristischen Kamm der Kampenwand, unser Chiemgauer Hausberg.

Der Blick beim Fahren sollte aber auf dem asphaltierten Weg liegen. Es geht steil und in Serpentinen bergauf. Ich hänge mich eine Weile mit dem Rad an einen der Läufer und halte die Szenerie per Handy-Video fest.

Oben wird die Ankunft der Läufer moderiert. Einige quälen sich mit verhärteten Muskeln über die letzten Kehren. Jeder kommt hier für sich alleine an.

Besonders berührt hat mich der wegen einer unheilbaren Nervenkrankheit stark gehbehinderte Andy Klingler, der mit Krücken am Alpenhaus gestartet war. Die rutschen ihm auf dem steilen Asphalt teils weg. Im Ziel sagt er zum Moderator den Klassiker: „Mit eisernem Willen geht alles“. Seine bewegende Lebensgeschichte kann man auf seiner Homepage nachlesen.

Ein anderer älterer Läufer: „Du musst den Körper ab und zu quälen, sonst quält er dich einmal“. Und eine ebenfalls sehr betagte Teilnehmerin: „Ohne täglich Sport bleibst Du im Alter nicht fit“.

Läufer Andy Klingler
Andy Klingler aus Wildschönau

Mich beeindruckt das schon. Der Wille ist dein stärkster Muskel, sagen ja Mentalcoaches, und man kann ihn genauso trainieren. Trotzdem bin ich froh, das E-Bike-fahren so einem Berg für mich nicht zur Qual und zur Willensfrage macht, auch ohne Behinderung oder Rentenalter.

Am Gipfel ist die Sicht nun erst recht atemberaubend. Das Rad (die letzten Meter war doch der High-Modus erforderlich) habe ich ein paar Meter unterhalb abgeschlossen geparkt. Diebe gibt es hier oben an diesem Tag sicher keine, ich wollte aber auch keine Gelegenheit bieten und den Blick entspannt genießen. Ein 360-Grad Alpenpanorama, so sieht man das sonst nur dann, wenn man (auch mit Wille und Kraft) auf einen Gipfel klettert. Ein paar Mountainbiker (ohne E) starten von hier downhill über Steine, Treppen und Wiesen.

Auf dem Weg abwärts passiere ich den Eingang zum „Alpenblumengarten“: Enzianwiese, Alpenrosen, Tibetanischer Mohn, Arnica, Alpenaster, Türkenbund, Edelweiss, Habichtskraut und viele mehr. Kurz darauf habe ich es mit Fauna statt Flora zu tun. Eine Kuhherde überquert den Weg, zwei drei Tiere galoppieren regelrecht über die abschüssige Wiese hinunter. Denen gefällt der Tag auch!

Kühe würden Haibike kaufen

Eine nähert sich meinem Rad. Ich halte etwas Abstand und zücke die Kamera. Erst mustert die Kuh das Haibike. Was ist das wohl für sie? Dann wird ganz vorsichtig zwei Mal am Sattel geschnuppert. Das Rad wackelt keinen Millimeter – Kühe sind zum Glück sehr sensibel – danke Kuh! Für ihren Weg abwärts will ich es ihr aber doch nicht zur Verfügung stellen. Sie hat das zur Kenntnis genommen und wendet sich ruhig ab. Mein Rad gehört wieder mir!

Die Kuh und das E-Bike
Interesse ist durchaus vorhanden...

ebikespass.de - H.G. Weber

Der Weg abwärts macht natürlich auf andere Weise Spaß als der aufwärts. In wenigen Minuten bin ich wieder am Alpenhaus. Ich fahre noch etwas weiter runter und zweige dann von der Straße ab. Es gibt hier oben mehrere Wege, die zum Entdecken reizen. Ich komme an einem „Karstweg“ vorbei – ein geologischer Pfad auf dem Plateau. Sicher auch spannend zum Entdecken.

Am Alpenhaus kehren wir auf der Sonnenterasse noch etwas ein. Hier werden noch Preise an die Läufer und Läuferinnen verteilt. Wir erfahren noch etwas unglaubliches: Der jüngste Teilnehmer war gerade acht!

Was haben wir heute gelernt? Sport verbindet: alt und jung, trainiert und gehandikapt, schwarz und weiß. Und ist für die Gesundheit unersetzlich.

Und als E-Biker?

Es gibt Internetportale, in denen wir E-Biker als Zielgruppe richtig ernst genommen werden (tirol.at). Mit dem E-Bike braucht man keine zementierte Tagesplanung. Mit E-Bikes kann man Pferde stehlen gehen, und sogar Kühe beglücken.

Wären wir nur noch etwas länger geblieben. 1200 Höhenmeter tiefer glühte der Sommertag immer noch vor sich hin. Hatten wir ganz vergessen, dass heute ja einer der heißesten Augusttage der letzten Jahrzehnte war.

Author: ebikespass

Schon früher mit Yamaha auf zwei Rädern unterwegs - und jetzt wieder! E-Bikes verbinden für mich ideal Bewegung, Frischluft und eine ordentliche Entdeckungsreichweite ... Ich habe Motorradfahren genossen - E-Bikes bieten fast noch mehr Spass! Was brachte Euch zum E-Biken? Was macht Euch am meisten Spass? Was ärgert Euch? Stellt Ihr Euch noch Fragen vor dem Kauf?

Share This Post On

Trackbacks/Pingbacks

  1. Kühe würden Haibike kaufen … – … und andere wesentliche Erkenntnisse beim Berglauf mit E-Bike | The Wrider`s Club - […] Beitrag Kühe würden Haibike kaufen … erschien zuerst auf E-Bike […]

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *